Erinnere dich.

 

Für mich lief Ostern immer gleich ab. Freitag zum Kreuzgang und an den beiden Ostertagen zum Gottesdienst in die Kirche. Gern auch als Messdienerin. Sonntag gab es immer Schlesische Hefeklöse bei Tante Gitti und am Montag gedeckten Apfelkuchen bei Oma in der Stadt. Meine ganze Kindheit und Jugend. 

Als ich dann später selber Kinder hatte, habe ich es anders gemacht. Wir waren Ostern immer mit der ganzen Familie unterwegs. Viel an den unterschiedlichsten Orten. Viel draußen in der Natur. Mit Singen am Lagerfeuer. Und zusammen kochen. Haben viel gequatscht und gelacht. Gern auch in größerer Runde mit anderen Familien zusammen. Und je nach Alter der Kinder haben wir einen kleineren oder größeren  Ausflug gemacht. Einfach mal woanders sein. Immer mal irgendwo anders sein. Egal wo. Hauptsache zusammen.

Erst viel später begann Ostern für mich noch eine andere Bedeutung  einzunehmen. Diese Tage wurden nach und nach zu einer ganz persönlichen Reise. Ich begann nach innen zu schauen. Still. Und nur für mich. 

 

Wo kommt denn Ostern eigentlich her?

Ich habe nach einiger Recherche neben dem Christlichen Ursprung und der Auferstehung Jesus, auch Ostera gefunden. Ostera ist die germanische Frühlingsgöttin. Die Göttin der Fruchtbarkeit, des Ackerbaus, des Frühlings und der Morgenröte. Die aufsteigende Sonne in den Tag. Wenn aus der Dunkelheit der Nacht der neue Tag entspringt.

Bei beidem geht es um die Erneuerung. Um die Auferstehung. Um einen Kreislauf.

Egal, ob wir einer Religion angehören. Egal, ob wir einem bestimmten Glauben folgen oder auch nicht. Ganz egal. 

Ostern wird gefeiert als das Fest der Auferstehung. Das Fest des Wechsels zwischen Dunkelheit und Licht. Zwischen Tod und Leben. Zwischen der Dunkelheit und dem Licht.

 

Die Zeit vor Ostern wird beschrieben als eine Zeit des Leidens und des Verzichts. Der Dunkelheit. Des Todes.

Ich persönlich nutze diese Metapher der Fastenzeit, um mir ganz bewusst immer wieder verschiedene Fragen zu stellen.

Welche Anteile in mir liegen noch im dunkeln verborgen?

Was darf ich gezielt mit Licht und Liebe beleuchten, damit es an die Oberfläche kommt?

Was darf in mir. noch sterben? Was soll nicht mehr zu mir gehören? Was kann weg? Was wähle ich bewusst ab?

Was darf in mir noch liebevoll, dankbar und mit Demut angenommen werden, damit auch das ins Licht treten darf?

Welche Erlebnisse und Erfahrungen kann ich noch aus der Dunkelheit meiner Erinnerungen ins Licht transformieren?

 

Die Ostertage sind lichtvoll, sie beschreiben eine Zeit der Freude und der Hoffnung. Das Licht. Die Auferstehung.

Wenn wir möchten, darf es uns daran erinnern, was noch ganz tief in uns und aus uns heraus auferstehen soll. Was aus uns aus der Dunkelheit ins Licht treten möchte. Aus dem Verborgenen in die Sichtbarkeit.

Wie kann ich mein Potenzial, meine Gabe und damit meine Selbstbestimmung wieder aus mir heraus wachsen lassen?

Was darf unterstützt werden in mir, dass es erwachen und wachsen kann?

Welcher Teil in mir darf jetzt auferstehen? Was in mir darf wieder geboren werden?

Wie kann ich mein Licht aus meinem Herzen heraus leuchten lassen?

Was ruft in mir? Wozu bin ich berufen? Was ist meine Berufung?

 

Gerade dieses Ostern ist ein ganz Besonderes. In diesem Jahr war unsere "Fastenzeit" etwas länger als sonst. Wir haben mehr Zeit gehabt zu reflektieren. Mehr Zeit in uns zu gehen. Mehr Zeit mit der Familie gehabt. Mehr Ruhe und Stille erlebt. Waren der Natur wieder ein Stück näher. 

Wir hatten dieses Jahr die einzigartige Chance durch dieses kollektive herunterfahren uns wieder ein Stück mehr selbst zu erfahren. Uns selbst wieder etwas näher zu kommen. Wir hatten die einmalige Chance all unsere verborgenen Schätze in uns zu sichten und sie an die Oberfläche zu bringen. Die tolle Chance wieder mehr zu spüren. Und zu fühlen. Andere zu spüren. Mitgefühl und Verbundenheit zu spüren.

Wir durften alles spüren was da in uns hoch kommen durfte. All unsere Lebensfreude und unsere tiefe Verbundenheit mit uns und mit anderen. Aber auch all unsere Ängste in uns und um uns herum. Wir konnten beobachten wie wir uns in Ausnahmesituationen verhalten. Und auch wie es andere tun. Wir konnten ganz andere Gespräche führen. Oder auch eben nicht. Wir konnten spüren was uns wirklich wichtig ist. Was wir wirklich brauchen. Und was ganz klar auch nicht. Wir durften erfahren was für eine Freiheit wir eigentlich jeden Tag genießen. Und konnten endlich einmal für uns fühlen, was das mit uns macht, wenn wir diese nicht vorübergehend auch nicht mehr haben. Wir durften uns einschränken und näher zusammen rücken. Wir durften lernen zu vertrauen. Ohne direkte Zeit und Anwesenheitskontrolle über andere zu haben. Und durften sehen, dass das auch ganz gut klappt. Wir durften alle lernen die längst schon vorhandene Technik einzusetzen. Und spüren, dass wir damit Trennungen überwinden. Wir durften erleben wie es sich anfühlt in Kontakt mit anderen zu sein, ohne ihnen direkt gegenüberzustehen. Sie anzufassen. Durften spüren, dass vieles auch ohne direkten Kontakt geht. Dass die Energien auch ohne diesen laufen. Einfach da sind. Wir durften kreativ werden und neue Ideen entwickeln. Ja stimmt, viele der Not erwachsen. Aber so was von toll und wertvoll, dass ich sehr sehr hoffe, dass wir daran festhalten und diese Prototypen für uns weiter entwickeln. Wir duften feststellen, was uns wirklich wichtig ist. Fühlen was wir vermissen. Und was wir doch gern in unserem Leben haben möchten.

 

Wenn sich nun bald unsere Türen wieder öffnen und das werden sie sicher bald. Haben wir die großartige Chance uns auf all das Erlebte zu besinnen. Das Erfahrene anzuwenden. Den Transfer zu leisten. Das Gefühlte in Kraft umzusetzen. Wir alle können dann, wenn unsere Türen sich wieder öffnen selbst entscheiden, was wir aus dieser Zeit mitnehmen wollen. In die Normalität unseres Alltags. Und was auch eben nicht.

Was ist uns wirklich wirklich wichtig im Leben?

Worauf freuen wir uns schon so sehr, dass wir es kaum erwarten können, es wieder zu tun?

Worauf können wir getrost auch weiter verzichten? Auch nach der Isolation?

Was möchten wir uns unbedingt bewahren?

Was möchten wir in der Zukunft für Gespräche führen? Was möchten wir erleben? Was fühlen? Wen wiedersehen?

 

Ich möchte dazu einladen, die nächsten Tage noch einmal in uns zu gehen und diese Fragen nur für uns selbst zu beantworten. Still. In der Ruhe. Mit geschlossenen Augen.

Ohne Sicherheitsgedanken. Ohne Angst. Ohne Absicht. Ohne Ziel. Ohne Mogeln. Ohne verschränkter Tippe hinterm Rücken. Einfach nur für beantworten. Und wirken lassen. 

 

Was möchtest du mitnehmen für dich aus dieser "Fastenzeit", wenn unsere Türen bald wieder aufgehen? Was nimmst du mit vor deine Tür? Wer wirst sein? Wie fühlt sich das für dich an? Wer wird bei dir sein? Was wirst du erleben? Wo wirst du sein? Was siehst du? Was spürst du? Wie sieht dein Tag dann aus? Was für Gefühle fühlst du? Was riechst du?

Und dann lasst es uns Wirklichkeit werden lassen☀️.

 

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