Mach dich auf den Weg, denn der Weg ist das Ziel

2011 war es soweit: mein Mann und ich haben uns auf den Weg nach Tansania gemacht. Wir beide hatten den Traum einmal auf dem Kilimanjaro zu stehen. Dass es ganz anders kommen sollte, ahnten wir nicht im Ansatz.

 

Nachdem wir die Reise gebucht hatten, haben wir uns einen Plan gemacht, wie wir uns auf die Tour vorbereiten wollen. Obwohl wir uns für die vermeintlich leicht "Coca-Cola-Route" entschieden hatten, wollten wir bestmöglich vorbereitet sein. Also verbrachten wir nahezu jeden Samstag damit in den Harz zu fahren (der für uns quasi vor der Haustür liegt) und eine Runde zu wandern: ca. 1.000 Höhenmeter und und 12-14 km eine Richtung, so wie es uns in Tansania auch erwarten würde. Im Frühsommer ging es dann noch für ein verlängertes Wochenende ins Pitztal, um auch nochmal etwas höhere Gefilde zu erreichen. 

 

Im August ging es dann los, aufgeregt wie selten sind wir in das Flugzeug gestiegen. Vor Ort war dann auch noch einiges zu regeln: Zuweisung unseres Guides, Einweisung in die Verhaltensregeln, usw.. Und die Aufregung stieg, es war soweit, endlich geht´s los! Die erste Etappe führte uns von Marangu auf ca. 1.800 m nach Mandara Huts auf 2.720 m. Wir übernachteten in kleinen Hütten, die immer von vier Personen belegt waren. Neben uns schliefen noch Wim und Sebastian aus Holland in unserer Hütte. Wim war damals 72 Jahre alt und Sebastian, sein Enkel, 14 Jahre. Wim war 25 Jahre zuvor bereits auf dem Kilimanjaro gewesen und wollte nun seinem Enkel dieses Erlebnis schenken. 

 

Am nächsten Tag ging es auf die 2. Etappe: von Mandara Huts nach Horombo Huts auf ca. 3.800 m. Dort haben wir sogar zwei Nächte verbracht, um uns etwas besser an die Höhe anzupassen. Diesmal teilten wir uns die Hütte mit Elin und Markus aus Schweden. Die beiden waren auf Afrika-Tour und hatten sich spontan entschlossen, eine Kili-Tour zu buchen. Gemeinsam mit ihnen machten wir eine kleinere Wanderung auf über 4.000 m und wieder zurück. Sie erzählten, wo sie schon waren und wo sie noch hinwollten.  

 

Die 3. Etappe führte uns nach Kibo-Hut auf 4.700 m, wo eine letzte Rast vor der Gipfelbesteigung vorgesehen ist. Es war eine der schönsten und gleichzeitig härtesten Etappen für mich. Auf nahezu der gesamten Strecke blickten wir auf den Gipfel, einfach wunderschön. Und ich erinnere mich genau an den Satz einer Frau aus dem Erzgebirge, die wir immer mal wieder trafen: "Auch wenn wir es morgen nicht rauf schaffen, so konnten wir ihn heute die ganze Zeit sehen." Wie recht sie hatte, wusste ich da noch nicht. Ich hatte sowieso vorher keine Vorstellung davon gehabt, was es bedeutet, in solcher Höhe unterwegs zu sein. Unser Guide hielt uns auch schon die Etappen zuvor an, "pole, pole" zu machen - langsam, langsam. Und jetzt auf einmal ging es auch gar nicht mehr anders. Ich hatte gar keine andere Chance als langsam zu machen. Ich brauchte mehr Pausen, war so erschöpft. Und als die Hütten endlich zu sehen waren, konnte ich nicht anders: ich machte 100 m vorher trotzdem noch eine Pause, ich konnte nicht mehr. Für mich als Sportlerin, die sich bestimmt auch mal quälen kann, unvorstellbar kurz vor dem Ziel "aufzugeben". Mein Körper wollte nicht mehr, fertig! Also machte ich 20 Minuten Pause, bevor ich die restlichen Meter zur Hütte hinter mich brachte.

 

Mein Mann bat mich doch für´s Foto nochmal zum Schild zu gehen und ich dachte nur: "Nein, das schaffe ich nicht mehr!". Wie immer direkt nach der Ankunft wurde gegessen und viel getrunken. Wir sollten uns ausruhen - für ich kein Problem - denn schon um Mitternacht sollte die letzte Etappe auf den Gipfel anbrechen. Nach Einbruch der Dunkelheit legte wir uns in die Betten und versuchten zu schlafen. Doch ich merkte bald, das etwas bei mir nicht stimmte. Ich bekam Schüttelfrost, so heftig wie ich ihn bei keiner Erkältung je gehabt habe. Schloss ich die Augen, um zu schlafen, sah ich Blitze, mir ging es einfach nicht gut. Als ich dann aufstehen wollte, um zur Toilette zu gehen merkte ich, dass ich total wackelig auf den Beinen war. Ich bat also meinen Mann, mich dorthin zu bringen, weil ich Sorge hatte zu stürzen. Es wurde immer deutlicher, dass ich die Gipfeletappe nicht mitgehen können würde. Unter Tränen trafen mein Mann und ich die Entscheidung, dass ich nicht mitgehe, er aber sehr wohl versucht, den Gipfel zu erreichen. Das war vor der Abreise schon so verabredet, auch für eine solche Situation wollten wir vorbereitet sein. Wir dachten ja nicht, dass es nötig wird. Er ging los, ich blieb in der Hütte unter den wachsamen Augen eines unserer Träger, der mich rührend umsorgte. 

 

Neun Stunden später kam mein Mann zurück, er hatte es geschafft, er war ganz oben. Und dann auch noch pünktlich zum Sonnenaufgang. So wie wir uns das beide vorgestellt haben. Nur eben allein. Nach ein paar Stunden Pause begann auch schon der Abstieg. Mit jedem Schritt, den wir tiefer kamen, ging es mir besser, wie ein Wunder. Mit einer Zwischenübernachtung kamen wir am Ausgangspunkt an, wir hatten unsere Kili-Tour hinter uns. Von der Reiseagentur wurden wir in unser Hotel gebracht, dort warteten bereits Wim und sein Enkel Sebastian. Die beiden mussten schon früher abbrechen, da Sebastian die Höhe ebenfalls nicht vertragen konnte. Nach einer ausgiebigen Dusche - der ersten nach 6 Tagen - saßen wir den Rest des Abends bei Bier und Pizza mit Wim zusammen und haben erzählt und erzählt. Er hatte in so vielen Ländern gelebt und gearbeitet, das er entsprechend viele Geschichten auf Lager hatte. 

 

Zwischendurch telefonierte ich mit meiner Mutter, die während unserer Tour Geburtstag hatte. Sie fragte mich mit besorgter Stimme: "Wie ist es jetzt für dich, dass du es nicht geschafft hast?" Und ich antwortete ihr spontan und zutiefst ehrlich: "Überhaupt nicht. Ich habe das erste mal verstanden, was es heißt, der Weg ist das Ziel. Ich bin unendlich froh, dass ich es gemacht habe. Ich hätte auf diese wunderbaren Begegnungen wie die mit Wim verzichten müssen, hätte keinen Kaffee mit drei Löffel Zucker gegessen, ich hätte diese intensive Vorbereitungsphase mit meinem Mann nicht gehabt. Ich hätte soviel nicht bekommen, was ich jetzt unheimlich zu schätzen weiß. Ich habe nur den Gipfel nicht erreicht, aber ihn einen ganzen Tag lang bewundern dürfen."